Außenwirtschaftsnachrichten 11/2023

Im letzten Jahr war Bundesaußenministerin Annalena Baerbock dort, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vor wenigen Monaten. Am 29. September 2023 fand ein Treffen der zentralasiatischen Präsidenten in Berlin mit Bundeskanzler Olaf Scholz statt. Das Wirtschaftsministerium ist gleichfalls sehr aktiv. Es sind also wichtige Signale, welche die Politik sendet. Es gibt jedoch einen Wermutstropfen. Es steht der Vorwurf im Raum, dass deutsche Firmen über Geschäfte mit zentralasiatischen Staaten die EU-Sanktionen gegen Russland umgangen haben. Diese Debatte hat zu Reibungsverlusten geführt, die den Ausbau der Zusammenarbeit mit der Region zeitweise beeinträchtigten. Inzwischen hat man mit Vorschlägen und Verfahrensregeln nachjustiert, sodass das Problem etwas entschärft wurde. Wie stark ist die Region in ihrem Handel noch mit Russland als Partner „besetzt“ und von der chinesischen Konkurrenz erschlossen? Zentralasiatische Länder, wie Kasachstan und Usbekistan, sprechen von einem multivektoriellen Ansatz, den sie mittlerweile verfolgen. Dahinter steckt, dass geografisch und historisch die Beziehungen zu Russland quasi naturgegeben sehr eng sind und wohl auch bleiben werden. Geografisch liegt es darüber hinaus nahe, dass die wirtschaftlichen Verbindungen zur Weltwirtschaftsmacht China immer enger geworden sind. Der neue Ansatz beinhaltet nun auch das Angebot an uns, an die Europäer, mit ihnen stärker zusammenzuarbeiten. Offenbar will man sich in einer Welt, in der sich die Gewichte verschieben, nicht zu sehr auf die bisherigen Hauptpartner verlassen, die zudem durchaus widerstreitende Interessen verfolgen. Die Länder wollen daher eine Brücke nach Europa schlagen. Das heißt ganz konkret Infrastruktur, heißt Transportwege, um einen Korridor nach Europa zu schaffen. Was macht Kasachstan so interessant für deutsche Unternehmen? Was bietet das Land? Kasachstan hat neben fossilen Energien, wie Öl, Gas und Kohle, große Möglichkeiten im Auf- und Ausbau erneuerbarer Energien. Das Land verfügt zudem über kritische Mineralien, Metalle wie Nicht-Metalle, ist also enorm reich an Rohstoffen. Hinzu kommt jetzt, dass man immer stärker daran interessiert ist, diese Rohstoffe auch im eigenen Land zu verarbeiten, womöglich bis hin zu Endprodukten. Das bietet eine hervorragende Basis für uns als Partner und macht es interessant, gerade im Hinblick auf positive Klimaeffekte, Vorprodukte aus Kasachstan in unsere Wertschöpfungsketten einzubeziehen. Man kann zusammenfassend sagen: Neben Öl und Gas bietet Kasachstan Raum und Platz, hat Sonne und Wind zur Produktion erneuerbarer Energie, dazu kritische Rohstoffe für unsere Energie- und Mobilitätswende zu Hause. Was derzeit noch fehlt, sind logistische Wege. Hier gibt es noch viele Möglichkeiten für deutsche Logistiker und Bauunternehmen, sich intensiv mit einzubringen. Wie sieht es mit Usbekistan aus? Der Rohstoffreichtum ist hier um einiges geringer, auch wenn es zum Beispiel nennenswerte Kupfervorkommen gibt. Das Land ist mit seiner Binnenlage ohne Meerzugang mit vielen Nachbarn besonders von Transportwegen nach außen abhängig. Auf der anderen Seite ist Usbekistan ziemlich bevölkerungsreich und die Zahlen wachsen sehr schnell. Damit gibt es eine Basis für arbeitsintensive Prozesse. Auch sind wir in Diskussionen über die Frage, ob der Fachkräftemangel in Deutschland an der einen oder anderen Stelle durch Arbeitskräfte aus Usbekistan abgemildert werden kann. Erste Erfahrungen sind ermutigend. Insgesamt handelt es sich um ein aufstrebendes Land mit einer jungen, sehr leistungsbereiten Bevölkerung, das die Hand nach neuen Partnern ausstreckt. Dabei ist Usbekistan mit seiner opulenten Natur und vielen kulturellen Schätzen auch ein hochinteressantes Land für den Tourismus. Wie sieht es mit der politischen Stabilität in den beiden Ländern aus? Das ist ein wichtiger Faktor, den man im Blick behalten muss. Wir sollten diesen Ländern die Chance geben, ihre Gesellschaften aufzubauen und weiterzuentwickeln, sodass sie mehr Stabilität gewinnen. Der Ausbau unseres Handels mit ihnen kann dabei helfen. Ich warne aber davor, ihnen oberlehrerhafte Vorgaben zu machen. Wir können und sollten sie nicht heute schon an den demokratischen Standards messen, die wir hier in Europa bereits erreicht haben. Wie groß ist Ihr Vertrauen, dass die eingeleiteten Reformprozesse in Kasachstan und Usbekistan konsequent fortgeführt werden? Das Vertrauen ist hoch. Wir haben von beiden Regierungen verbindliche Schritte zur Marktöffnung und Rechtssicherheit gesehen. Die Stimmen der deutschen Unternehmen vor Ort zeigen auch, dass den Worten Taten folgen. Natürlich gibt es ab und an schon mal Kommunikationsprobleme, doch werden die in der Regel schnell ausgeräumt. Es ist sicher nicht alles Gold, was glänzt. In Usbekistan beispielsweise ist der Privatisierungsprozess von Staatsunternehmen noch eher am Anfang. Die Richtung aber stimmt – das ist entscheidend. Quelle: www.dihk.de > Themen und Positionen > Internationales > Länder und Märkte > Zentralasien – „besonders spannend“ für die deutsche Wirtschaft Gernot Heller 2 Im Blickpunkt

RkJQdWJsaXNoZXIy ODM4MTk=